Über Stelio

SÜDWESTFUNK, S 2-aktuell, 24.1.1992:

Stelios Thema ist der Mensch.

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…ein Ausdruck vitaler Lebensfreude ebenso, wie ironische Negierung von Schönheitsidealen und Εitekeiten. 

…seinen Scherz treibt Stelio mit Rollenklischees und Tabus. 

…Verletzlichkeit; eine gewisse Verlorenheit wird eher sichtbar als perverse Geilheit.

…er ist ein Meister der Beobachtung, deckt geheime oder gar verbotene Wünsche auf, beläßt aber Vieldeutigkeit. 

Humor kennzeichnet schließlich seine Arbeit und läßt seine Skulpturen zum Vergnügen werden.  

Thomas Franke, Bonn.

Der Takt der Frechheit besteht

darin, zu wissen, bis zu welchem

Punkt man zu weit gehen kann.

Jean Cocteau

Die Figuren räkeln, strecken und verknäulen sich mit vordergründig gespieltem Pathos und oft vermitteln sie den Eindruck, sie hielten ihre Belustigung nur mit größter Mühe zurück, würden sofort lauthals zu lachen beginnen, entließe man sie aus ihrer Stellung. In diesem Kontext wirken sie mutig, ihre kleinen perversen Tendenzen und Gelüste so öffentlich auszuleben.

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Die Betrachtung des Andreas löst irritierende Emotionswechsel aus: sie kippen aus sexueller Erregung in Mitleid, dann in Abgestoßensein und wieder zurück. So entsteht die subtil differenzierte Mehrdeutigkeit der Figur. Stelio bezeichnet diesen Zustand als ,wenn etwas auf der Kippe steht‘, im sprachlichen und emotionalen Bereich, wie auch bezüglich der Ausgewogenheit einer Plastik, ihrer Standfestigkeit. Seine gesamte Persönlichkeit ist von solcher bewußt gehandhabter Irritation beherrscht. Man muß ständig aufpassen und beobachten, jedes Wort wägen, jedes seiner Werke genau anschauen, um zu begreifen, was Stelio mitteilt. Seine Äußerungen, wie seine Kunst sind oft Spiele auf des Messers Schneide, zwischen leidenschaftsloser Mitteilung, die er vorzuspiegeln bemüht ist, und ironischen Werten des Mitgeteilten.
Dahinter ist eine feste Weitsicht spürbar, auf deren Basis er ständig Tabus verletzt und Grenzen überschreitet, ohne sich um bürgerlichen, pathetischen Takt zu kümmern, allerdings auch ohne im Extremfall agressiv zu verletzen. Oft ironisiert er die männlichen Figuren, stattet sie mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen aus, stellt sie verletzlich, verkrampft, dämonisch androgyn dar, als wäre ihre eigentliche Heimat Hieronymus Boschs Apokalypsen, macht Transvestiten aus ihnen oder verpasst einzelnen das Charisma von Eunuchen. Seine Frauenplastiken umweht hingegen immer verführerische Erotik, kraftvolle Sinnlichkeit Sie sind selbstsicher im Bewusst sein ihres Geschlechts und akzeptieren lustvoll den Verlust ihrer Unschuld – im Gegensatz zu den männlichen Figuren, die mittels ihrer Körpersprache Unberührtheit vortäuschen möchten. Die Beweggründe, Menschen in dieser Weise typisierend darzustellen, scheinen seinem Spaß am Ver- unsichern, am Spielen, der Lust an sticheliger Perversität und dem Bedürfnis zu entspringen, das auszuleben, was in der ,ernsten‘ Kunst verschwiegen, expressiv ungegenständlich mit wilden Gebärden als Urinstinkt assoziiert, deswegen von der Kritik beachtet, dargestellt und gegenständlich visualisiert, vollkommen abgelehnt wird, sobald das verklärende Pathos fehlt: verspielte Geilheit –

Stelio rührt hin und wieder in einer solchen Weise an menschliche Eitelkeiten, daß seine Ironie in Zynismus um- schlägt, was seine Behauptung bestätigen mag, die Figuren nur für sich geschaffen zu haben. Sie waren also nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und in der so gerechtfertigten Intimität eine mit Sicherheit über das bisher Ent- deckte hinausreichende, aus dem Charakter, der Mentalität, der Persönlichkeit und somit auch aus dem Lebens- lauf resultierende unbewußte Auseinandersetzung mit seiner Existenz. Ihre Vergegenständlichung realisiert sich als Mischung aus Überlegung und Spontanität, Allgemeingültigem und Intimem, Berechnung und Spiel, aus raffiniertem Intellekt und erotischem Instinkt.


Was kann ein menschlicher Körper mitteilen, wie weit entspricht seine Mitteilung der Wahrheit, meiner Wahrheit, meinem Bedürfnis als Betrachter, zu sehen, was ich will. . ., was ich sehen muß oder wie ich es sehen muß?

Heinz Schlüter, Bonn.

Im Grunde genommen ist Stelio, der Architekt und Bildhauer, ein Klassiker, in der griechischen Tradition verhaftet. Im griechischen Altertum triumphierte die menschliche Figur, die antropomorphe Skulptur als Modell klassischer Harmonie zwar und einzigartiges Element ihrer Kultur, jedoch nicht nur als ästhetische Idealisierung, sondern entwickelt aus vielerlei Motiven. Die Darstellung des Menschen in allen Variationen ist das Thema des Künstlers Stelio. Stelios Figuren sind eitel, erotisch, manchmal pathetisch oder auch narrativ, intim, verletzlich und ironisch zugleich. Um dem „Klassiker“ Stelio einigermaßen gerecht zu werden sollten wir zur sinnlichen Wahrnehmung zurückkehren. Wer Augen hat zu sehen, der sehe.

Dies meint nicht nur den einen Teil sinnlicher und emotionaler Erfahrung, sondern ganzheitliche Lebensbejahung, bei der die Gesetze der sinnlichen Wahrnehmung wesentlicher Bestandteil geistigen Tuns ist. Interpretationen und Assoziationen beim Betrachter sind bei Stelios Statuen nicht nur gestattet, sie sind erwünscht.

Existenz und Grundlage geistigen Gestaltens ist das Erfahrungsfeld aller Sinne, ist die Frage nach dem Menschen beim Künstler und beim Wahrnehmenden.

So darf der Eine das materialgerechte Spannungsverhältnis von Körper und Raum und das genuine Thema Volumen bei einer Plastik Stelios eher bewundern, der Andere die das plastische Werk umfließenden Kanten und Linien, also das lineare und flächige, die Dialektik von Linie und Fläche zum Raum schöner empfinden, mit dieser Freiheit der Empfindung und des Themas nähert sich der Künstler der Avantgarde.

 Bild 2hand  Hier klicken

Was bleibt, ist die konzentrierte Kraft der dreidimensionalen Plastik und ihre Berührungspunkte zur vierten Dimension. Um eine Plastik in ihrer ganzen Erscheinung zu sehen, muß man um sie herumgehen. Dies braucht Zeit, es gibt keine Möglichkeit der gleichzeitigen Wahrnehmung. Betrachtet man eine Figur wie etwa „Autopnoos“, so spürt man zusätzlich den Vorgang des Aufblasens fast körperlich, die zeitliche, die vierte Dimension lebt in der voluminösen Plastik. Nach der Interpretation von Lessing bringt der Künstler damit den sogenannten „fruchtbaren Moment“, also den Zeitfaktor in die Plastik.

Das antike Griechenland, welches den Frauen und Männern die gleichen erotischen Bedürfnisse zustand, wußte über Grenzsituationen genauen Bescheid. Überschreitungen wie Androgyne, Hermaphroditen, das Thema der Gleichzeitigkeit von männlichen und weiblichen Merkmalen lotet Stelio neu aus und er wäre kein moderner Künstler, würde er nicht das tun, was Kunst ausmacht, er versucht die Grenzen zu überschreiten.

Walter von Lom, Köln.

Die größere Plastizität der Figuren und die Aufnahme der Männer in den Reigen der Dargestellten ermöglicht eine Verlagerung des bereits vorhandenen Themas „Lebenslust“ weg von der erotischen Beziehung Mann/Frau im Sinn von „…und ewig lockt das Weib“ hin zur bejahenden Lust am kreatürlichen Leben und dessen freudigen Genuss. Aber noch etwas ist hinzugekommen, so scheint mir und das ist für mich das wirklich Faszinierende:

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Die Dargestellten, vor allem die Frauen, prall körperlich und noch immer sehr erotisch, haben es nicht mehr nötig für den Betrachter zu posieren, sie leben in sich selbst und wissen nicht, dass sie von Kunstinteressierten oder sonstigen Voyeuren betrachtet werden. Sie leben im dargestellten Augenblick ganz alleine und damit sind sie frei, sich so zu zeigen wie sie sich just in dem Augenblick fühlen: in sich ruhend – entspannt, einsam – ängstlich, unschlüssig, unsicher, zweifelnd, neugierig, schamlos sich selbst befriedigend, staunend- glücklich – und all das ausgedrückt in ihrer Körpersprache – unbeobachtet wie Kinder das können, in zunehmend einfachen plastischen Formen.Jeder von uns Betrachtern kann sich, wenn er sich bemüht, ehrlich zu sein, in diesen Skulpturen Stelios wiederfinden.

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Aber eins verstehe ich nicht: mir scheint, dass die dargestellten Frauen viel eher in ihrer Haltung und in ihrer sich schließenden plastischen Ausformung in sich selbst ruhen als die meisten der männlichen Skulpturen, die oft, sofern sie allein dargestellt sind, einen zerrissenen und plastisch gesehen, eher eckigen Eindruck machen. – Aber vielleicht will ich das auch gar nicht verstehen.

Herbert Reich Köln

Seine Denkweise spiegelt sich in seiner Arbeit. Weder Materialauswahl noch thematische Aussage unterliegen irgendwelchen Tabus. Die „menschlichen“ Attribute, nicht die „geschlechtsspezifischen“ bestimmen die Form seiner Vitalen Plastiken. 

S t e l i o

1937 in Iraklion/Kreta geboren 

1955 erfolglose Aufnahmeprüfung bei der Militär-Akademie/ Athen 

1955-57 Mitarbeiter des Designers Nikos Perakis/ Kreta 

1956 erfolgreiche Aufnahmeprufung bei der BAKALO- Schule fur Theater u, Bühnenbid/Athen 

1957 rest nach W.-Deutschland um Bühnenbid an der Kunstakademie Ddrf. zu studieren 

1957 Metallarbeiter in Stolberg. 

1958-65 Architekturstudium an der ΤΗ Aachen 

1967 Mitarbeit im Studio SETTANTE/Firenze 

1969 Architekturburo in Dortmund 

1974 Architekturburo in Bonn 

1996 Ortwechsel auf einen Pelloponesischen Felsen. Dont lebt und arbeitet er.
AUSSTELLUNGEN

1963 Alexander von Humboldt-Haus, Aachen 

1988 INTER ART GALERIE REICH, Köln 

1988 Galerie Cramer-Schimer, Bonn 

1990 Haus Feldmaus, Olzheim 

1991 INTER ART GALERIE REICH, Köln 

1992 Haus Feldmaus, Olzheim 

1994 INTER ART GALERIE REICH, Köln 

2002 INTER ART GALERIE REICH, Köln 

GRUΡPENAUSSTELLUNGEN 

1985 Galerie Gering-Kulenkampff, Frankfurt 

1988 Galerie Waschkowski, Kiel 

1989 Haus Feldmaus, Ozheim Hommage a Konstantinos Kavafis 

1989 Galerie I. Mensendiek, Düsseldorf 

1992 Haus Feldmaus, Olzheim Hommage a Johann von Feldmaus 

TELNAHΜΕ 

1988 ART 1988, Basel 

1989 Linear, Gent 

1992 ART COLOGNE  

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Veröffentlicht 18. August 2017 von Stelio

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